Nachtlicht erhöht das Herzinfarktrisiko um bis zu 47 Prozent

Was eine der größten Lichtstudien aller Zeiten zeigt – und warum der Grund nicht der Schlaf ist

‍Es hätte fast niemand gewusst. Als Angus Burns, Postdoktorand an der Harvard Medical School und am Brigham and Women's Hospital, die Daten der UK Biobank herunterlud, fehlten die Lichtsensorwerte. Die Geräte enthielten sie – aber die Daten mussten separat extrahiert werden. Burns fragte beim zuständigen Ingenieur nach, bekam die Daten – und legte damit den Grundstein für eine der bedeutendsten Studien zur Wirkung von Licht auf die menschliche Gesundheit, die je durchgeführt wurde.‍ ‍

Das Ergebnis wurde im Oktober 2025 in JAMA Network Open veröffentlicht und seither von der Harvard Gazette bis zu CNN aufgegriffen: Wer nachts hellem Licht ausgesetzt ist, trägt ein deutlich erhöhtes Herzerkrankungsrisiko – unabhängig davon, wie gut oder lange er schläft, wie viel er sich bewegt, was er isst oder ob er raucht.

Studie: Windred DP, Burns AC, Rutter MK et al. (2025): Light Exposure at Night and Cardiovascular Disease Incidence. JAMA Network Open, 8(10): e2539031. Flinders University & Harvard Medical School / Brigham and Women's Hospital. 88.905 Teilnehmer, 9,5 Jahre Nachbeobachtung.‍ ‍

Die Studie

88.905 Teilnehmer aus dem UK Biobank – alle über 40 Jahre alt – trugen über eine Woche lang Lichtsensoren am Handgelenk, die kontinuierlich die Lichtintensität in ihrer natürlichen Umgebung maßen. In den darauffolgenden bis zu 9,5 Jahren wurden ihre Herzerkrankungen über elektronische Patientenakten erfasst: Koronare Herzkrankheit, Herzinfarkt, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern und Schlaganfall. Insgesamt wurden über 13 Millionen Stunden persönlicher Lichtexposition ausgewertet.

‍Die Forschenden teilten die Teilnehmer nach ihrer nächtlichen Lichtexposition in Gruppen ein – und fanden einen dosisabhängigen Zusammenhang, der sich über alle fünf untersuchten Herzerkrankungen zog. Im Vergleich zur dunkelsten Gruppe hatten Menschen mit etwas nächtlichem Licht ein 20 Prozent erhöhtes Herzinfarktrisiko. Bei mittlerer Lichtexposition stieg das Risiko auf 27 Prozent. Wer die hellsten Nächte erlebte – vergleichbar mit einem eingeschalteten Deckenlicht im Schlafzimmer – hatte ein 47 Prozent höheres Herzinfarktrisiko.

Kernaussage: Mehr Nachtlicht – mehr Herzerkrankungen. Der Zusammenhang ist dosisabhängig, konsistent über fünf verschiedene Herzerkrankungen und unabhängig von Schlafqualität, Bewegung, Ernährung und anderen bekannten Risikofaktoren.

Warum schlafen allein nicht schützt

Das Überraschendste an der Studie ist nicht das Ergebnis selbst — sondern der Mechanismus. Die erhöhten Herzerkrankungsrisiken ließen sich nicht durch Schlafmangel erklären. Burns betont ausdrücklich: Der Effekt kommt nicht davon, dass Nachtlicht den Schlaf stört und Schlafmangel wiederum das Herz belastet. Die Wirkung ist direkter — und das macht sie schwerer zu ignorieren.

Unser Körper erreicht seine höchste Lichtempfindlichkeit zwischen Mitternacht und 6 Uhr morgens. Licht in dieser Phase gibt dem suprachiasmatischen Nukleus das Signal, dass der Tag beginnt, selbst wenn man schläft. Die Folge: Melatonin wird gestoppt, Cortisol steigt an, Herzfrequenz und Blutdruck erhöhen sich. Der Körper fährt hoch, obwohl er eigentlich in der Tiefstschlafphase regenerieren sollte.

Das Herz hat einen eigenen zirkadianen Rhythmus. Es braucht die Nacht nicht nur zum Ausruhen, sondern zur aktiven Regeneration: Blutdruck, Herzfrequenz und Gefäßspannung folgen einem biologisch festgelegten Nachtmuster. Wenn Licht dieses Muster regelmäßig unterbricht, verliert das Herz seine nächtliche Erholungsphase. Über Jahre kann das zu strukturellen Veränderungen führen, die das Risiko für Herzinfarkt, Herzinsuffizienz und Schlaganfall erhöhen.

Windred fasst es so zusammen: "Das Bewusstsein für die gesundheitlichen Auswirkungen von Schlafmangel wächst, aber das Bewusstsein für die Auswirkungen von zirkadianen Störungen hinkt hinterher. Nachtlicht ist ein starker Prädiktor für schlechte Gesundheitsverläufe."

Ein neuer Risikofaktor

Die Studie positioniert nächtliche Lichtexposition explizit als neuen, eigenständigen kardiovaskulären Risikofaktor, neben Rauchen, Bluthochdruck, Bewegungsmangel und Ernährung. Burns ist direkt: „Ich denke, es sollte in die Leitlinien zur Risikoreduktion für kardiovaskuläre Erkrankungen aufgenommen werden.“

Besonders relevant: Tageslicht hatte in der Studie den gegenteiligen, positiven Effekt. Mehr Tageslichtexposition war mit einem niedrigeren Herzerkrankungsrisiko assoziiert. Das entspricht dem chronobiologischen Grundprinzip, das Burns so beschreibt: „Es gibt einen starken evolutionären Druck für eine Aktivitätsphase und eine Ruhephase für den gesamten Körper. Leider stellt das moderne Leben eine Herausforderung für diese Biologie dar.“

Konkret bedeutet das: Tagsüber verbringen wir 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen unter künstlichem Licht mit 200 bis 400 Lux. Draußen erzeugt die Sonne selbst an bewölkten Tagen 10.000 Lux. Das zirkadiane Signal ist tagsüber zu schwach und nachts zu stark.

Einschränkungen der Studie

Es handelt sich um eine Beobachtungsstudie, die Zusammenhänge zeigt, keine direkte Kausalität beweist. Die Lichtsensoren erfassten Intensität, aber nicht die Quelle, ob Straßenlicht, Fernseher, Nachtlicht oder Smartphone bleibt offen. Und die Autoren können nicht vollständig ausschließen, dass nächtliche Lichtexposition teilweise ein Marker für andere Lebensstilmerkmale ist. Angesichts der Studiengröße, der langen Nachbeobachtungszeit und der Konsistenz über fünf verschiedene Herzerkrankungen ist der Befund dennoch sehr robust.

Was du heute Nacht ändern kannst

Die Empfehlung der Autoren ist einfach: Schlafzimmer so dunkel wie möglich. Abdunklungsvorhänge verwenden. Standby-LEDs von Fernsehern, Ladegeräten und Routern abkleben oder abschalten. Kein Fernseher im Schlafzimmer. Licht im Bad und auf dem Flur dimmen oder ausschalten. Wenn Licht unvermeidbar ist, dann zumindest warmes, so schwaches Licht wie möglich statt hellem weißem oder blauem Licht.

Und umgekehrt: Mehr Tageslicht suchen. Morgens raus, mittags einen Spaziergang einbauen, an Fenstern arbeiten. Der circadiane Kontrast zwischen hellem Tag und dunkler Nacht ist das, worum es geht.

Wusstest du?: Bürobeleuchtung mit 200–400 Lux ist für das Auge ausreichend, für die innere Uhr jedoch zu schwach. Die Sonne liefert selbst an bewölkten Tagen das 25-fache davon. Wer den ganzen Tag drinnen bleibt, sendet seiner inneren Uhr ein schwaches Tagessignal und riskiert abends trotzdem zu viel Licht.‍ ‍

Der BODYCLOCK-Kontext

Diese Studie bestätigt, was Chronobiologen seit Jahren beschreiben: Licht ist der mächtigste Zeitgeber des circadianen Systems – und seine Fehlnutzung ist ein eigenständiges Gesundheitsrisiko, kein Randthema. Wer seinen Chronotyp kennt, weiß wann seine innere Uhr biologisch auf Nacht umschaltet, wann Melatonin anfängt zu steigen und ab wann Lichtexposition besonders problematisch ist. Das macht Lichtmanagement nicht zu einer allgemeinen Empfehlung, sondern zu einem persönlichen Werkzeug.

→ Mehr zu Licht und innerer Uhr: Licht ist der mächtigste Zeitgeber deiner inneren Uhr

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Quelle

Windred DP, Burns AC, Rutter MK et al. (2025): Light Exposure at Night and Cardiovascular Disease Incidence. JAMA Network Open, 8(10): e2539031.

Zusammenfassung: Harvard Gazette, Dezember 2025.

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